„So könnte eigentlich jeder Tag anfangen“, sagt Orga-Büroleiter Patrick Hünniger, während sich vor dem Hoteleingang der Bolide des Ehrengastes mit rhythmischen Gasstößen aus seiner Renntrompete warmläuft. Ein Lancia Rally 037 und die Aussicht auf Blaubeerkuchen am Col de Turini haben abermals den zweifachen Rallye-Weltmeister Walter Röhrl zum Finale der AvD-Histo-Monte nach Südfrankreich gelockt.

Nach ihrer Ausmusterung als Werksautos im Sonner 1985 genießen gebrauchte 037 keinen guten Ruf, dementsprechend glücklich ist Röhrl über den Zustand des ehemaligen Trainingsautos von Jean-Claude Andruet, auch wenn selbiges ein nur leicht modifiziertes Serienauto ist. „Getriebe gut, Motor auch gut“, urteilt Röhrl. Und um den Mittelmotorrenner auf dem Weg von Peira Cava hinauf zum Turini-Gipfel in weiten Schwüngen hinaufzuschwänzeln, reichen auch die 210 PS des Homologationsmodells locker aus.

Es hat nämlich Schnee, auch wenn der sich bei Plusgraden schon wieder zum Schmelzen entschlossen hat. Zumal am Morgen der Winterdienst schon den größten Teil der Neuschneeauflage zur Seite geschoben hat. Neben reichlich Matsch finden sich zur Freude des viermaligen Monte-Carlo-Siegers Röhrl auch hier und da ein paar festgefahrene Ecken. „Das war so ein Genuss.“
Das lässt sich überhaupt als Motto über den gesamten Schlusstag dieser 25. AvD-Histo-Monte schreiben. Nach zwei Tagen schwersten Wetters befand Südfrankreich, dass die Gäste aus Allemagne nun genug gelitten hätten, irgendwer wischte den eigentlich abermals durchwachsenen Wetterbericht tatsächlich vom Tisch. Lediglich beim Aufbau der Stempelkontrolle fällt noch ein bisschen Niesel, aber wenn du in Monaco einen Durchfahrtsschein, eine Foto- und eine Parkgenehmigung hast, dann ist Dusche abstellen irgendwie im Paket mit drin. Ausnahmsweise – und trotz eines zeitgleichen Marathons durch die Stadt – durften die 67 zum Finale angetretenen Teams direkt vor das Casino rollen und fürs Erinnerungsalbum posieren.

Die Hälfte der Schnappschüsse machte der Türsteher des benachbarten Hotel de Paris mit dem Handy. Der Mann, der ansonsten täglich Bentleys und Ferraris umparken muss, schwärmt über den blauen Skoda 120 S Rallye, der mit geflicktem Scheibenwischer vorfährt. „Belle Voiture, hä?“ stellt er eine rhetorische Frage. Seine größte Sorge ist, wo denn der Renault 5 Turbo bleibt, den er seit Jean Ragnottis Jugend schätzen und lieben lernte. Nun, der gelbweiße Hingucker mit dem röhrenden Turbo war in 40 Minuten schon drei Mal am falschen Ende des Casinovorplatzes zu vernehmen, bis Karsten Helber und Timo Donati endlich das Sesam öffne dich in dem Gewirr der monegassischen Gassen im vierten Anlauf entdecken.

Die Navigation durchs Fürstentum bleibt die größte Herausforderung des Tages. Der Rest ist für den Großteil des Feldes ein wahres Schaulaufen, das mit Kaffeeklatsch und Blaubeerkuchen im Hotel „Les Trois Valleés“ bei Wirtin Laetitia beginnt und mit meterhohen Schneemauern bei strahlender Sonne auf dem Col de Bleine seinen letzten Höhepunkt findet, bevor es für den finalen Sekt zur meeresumspülten Hotelterrasse in Cannes hinuntergeht. Dazwischen, das sei ausdrücklich erwähnt, gibt’s ein weiteres Highlight, denn das winzige Le Mas hat zum Mittagstisch geladen. Nicht nur die einzige Auberge im 100-Seelendorf am Ende der wie immer grandiosen Schlucht von Aiglun, nicht nur Bürgermeister Ludovic Sanchez, nein, der gesamte Ort.

Le Mas bietet zusammengekratzt keine 20 Parkplätze, aber die Rallye darf sich rund um Notre Dame abstellen, einem winzigen romanischen Kirchlein aus dem 13. Jahrhundert mit Fundamenten aus dem elften. Im Kirchenschifflein servieren die Getreuen der „Les Christ ôdu Coeur“, die sich in der Gegend sonst um Essen auf Rädern für die älteren Menschen kümmern „Daube Provencale“, ein Rindsgulasch mit Steinpilzen, serviert mit Penne. Porsche 924-Lenker Gerardus Kreyenborg ist noch am Abend ganz beseelt: „Das war die beste Mittagspause und das leckerste Essen des Wochenendes. Das Größte aber war zu sehen, wie sich ein ganzes Dorf Mühe gibt, uns eine Freude zu machen.“

Um wie viel leckerer hätte Sofia Faber und Jan Tewes alles noch geschmeckt, wären nicht die zwei Turini-Prüfungen schiefgegangen. Ausgerechnet der weißgelbe Quattro konnte auf Quattro-Terrain nicht glänzen. Das Audi-Duo, gestern noch Zweiter, fiel auf den undankbarsten aller Plätze zurück: Rang vier. Denn erstens haben sich Jens Herkommer, Histo-Monte-Sieger 2023 und Mike Poppe, nach harzigem Beginn aus der Tiefe des Raumes im Schlussspurt von Platz drei noch auf Rang zwei geschoben, zweitens hat auch das ungarische Gespann Zoltan Horvath und Lajos Boros nach einem gebrauchten Freitag zur gewohnten Form zurückgefunden. Die Sieger des Prologs belegten am Ende Platz drei. Die Sieger können es bei kommodem Vorsprung entspannt angehen. Mit 74 Miesen kassieren Jörg Pohlemann und Marc Stoll exakt so viele Strafpunkte wie an den beiden vorigen Sintflut-Tagen zusammen, aber wofür gibt es Streichresultate? Mit am Ende läppischen 103 Strafpunkten retten sie im Porsche 924 den Sieg ins Ziel, trotz Dreher auf der ersten Turini-Prüfung auf den wenigen Schneeresten.

Stephan Wagner hatte sich ganz andere Ziele gesetzt: Nicht Letzter werden, lautete die Parole des Österreichers, der einen Sonderpokal als Held des Wochenendes verdient hätte. „Mein Beifahrer ist kurz zuvor krank geworden“, sagt er zur Erklärung. Er suchte gar nicht erst nach kurzfristigem Ersatz, sondern entschied, die Rallye im Alleingang zu bestreiten. Ohne Schnittcomputer und ohne regulierenden Nebenan leistete sich Wagner dennoch nur kleine Navigationspatzer. Von Einsamkeit in Dunkel und Regen wollte der Quattro-Fahrer nichts wissen, er genoss seine erste Oldtimer-Rallye in vollen Zügen: „Ich habe viel Musik gehört, und es gab auch nie Streit im Auto“, sagt er grinsend. Wagner sieht sich schon als Wiederholungstäter: „Ich könnte mir vorstellen, das öfter zu machen.“

Das sieht Birgitta Tschiche ganz genauso. Zuvor noch nie bei einer Rallye am Start, genoss die Beifahrerin von Matthias Falckenthal nicht nur Landschaft und Atmosphäre, selbst für die knifflige Copiloten-Arbeit bei Gleichmäßigkeitsprüfungen konnte sie sich begeistern und knuffte mit Sekt im Anschlag ihren Liebsten: „Och, lass uns doch die AvD-Röhrl-Klassik auch noch fahren.“ Der Röhrl hat zusammen mit Rallyechef Peter Göbel noch einen Anschlag vorbereitet: Als Dank für treue Dienste, in denen sein Vater Dieter Göbel im Laufe der Jahre über 50.000 Kilometer als Lenker des Vorauswagens abgespult hat, durfte der Mann, der die Rallyeleidenschaft des Sohnes einst weckte und förderte, die letzte Halbetappe an der Seite Röhrls im Lancia bestreiten. Und das war nur die halbe Überraschung: Röhrl hat abgesehen von seinen vier Monte-Siegen sämtliche Trophäen ausgemistet und hergeschenkt, außer dem kleinen Töpfchen von 1973, das Jahre lang auf dem Schreibtisch als Gefäß für Stifte und Schreiber herhalten musste. Jetzt hat ihn Röhrl aufpolieren lassen und in Geschenkfolie gekleidet. „Das ist der Pokal für meine allererste Monte-Carlo-Teilnahme 1973. Und den bekommt jetzt der Dieter.“

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