Es ist Viertel vor neun am Morgen, und in dieser Minute passieren zwei entscheidende Dinge: Erstens geht die Nachricht rum, dass die Überquerung des Col du Lautaret zum Leidwesen aller gestrichen ist. Seit halb sechs war ein französisch sprechender Spähtrupp vom Teamhotel in Cannes ausgerückt, um die Lage vor Ort zu sondieren. Zwar ließen sich auf der Passstraße durchaus ernsthafte Räumungsaktivitäten feststellen, andererseits war die Schneemenge offenbar so gewaltig, dass entgegen der ursprünglichen Ankündigung, um zwölf Uhr mittags zu öffnen, nun von 14 Uhr die Rede war. Das aber hätte den Zeitplan bei weitem gesprengt. Und was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste: die finale Öffnung fand aus Sicherheitsgründen erst um 17 Uhr statt.

Plan B lag daher schon seit zwei Tagen in der Schublade. Übers Google Navi hangeln sich die 67 Teams über zwei zuvor versendete GPS-Punkte im Süden Grenobles bis an Gap vorbei. In Sachen Strecke 150 Kilometer Umweg, in Sachen Zeit sogar eine Stunde Ersparnis, was zu dem seltenen Umstand bei einer Oldtimer-Rallye führt, dass das Mittagessen sowohl früher beginnen als auch später enden darf.

Während das erste Ereignis mehr oder weniger erwartbar war, haben die 50 Kilometer westlich in der Chartreuse kämpfenden Teams um 8:45 eine Erscheinung: Am Himmel erscheint ein gewaltiger, leuchtender Stern, in alten Hand-Schriften berichten Mönche von dem Himmelsphänomen. Sie nennen es Sonnenschein.

Es ist tatsächlich das erste Mal seit dem Zusammentreffen in Rothenburg ob der Tauber vier Tage zuvor, dass das Gestirn unseres Sonnensystems in ungefilterter Klarheit vom Firmament brennt, und alle möchten verweilen und staunen, aber das lässt der Zeitplan nicht zu.
Am Col de Porte ist Konzentration gefragt, denn hinter dunklen Fichten liegen Schnee und manches Eisplättchen. Zudem kommt der Ski- und Rodelverkehr gerade in Fahrt. Die Winterspaß-Idylle war nach der Sintflut des Vortags alles andere als erwartbar. Noch ein Stündchen zuvor in der dunklen Schlucht des Guiers Mort entwässern sich die in den zwei Vortagen zugeschütteten Berge nicht, sie erbrechen sich aus allen Ritzen und Spalten ins Tal. Der dem Namen nach ach so tote Fluss ist ein tosendes Wildwasser geworden.

Die Fahndung, wer bei der Mittagspause im Hotel Les Bartavelles nicht aufgegessen hat, läuft noch, in jedem Fall zieht sich der Himmel über dem Lac de Serre-Poncon langsam aber sichtbar wieder zu. Vielleicht hängt auch immer noch die schlechte Laune des Größten der Zunft über dem Südufer. Exakt an jenem Col de Fanget, den die AvD-Histo-Monte nun in Richtung Süden überquert, verlor der neunfache Rallye-Weltmeister Sébastien Ogier drei Wochen zuvor seinen elften Monte-Carlo-Sieg in finstrer Nacht schon auf der zweiten Prüfung. Und damit ist auch gewiss: die AvD-Histo-Monte wandelt auf exakt den Spuren der Rallye Monte Carlo.

Dieses Mal müssen die Teams nur zwei glitschige Stellen passieren, das meiste Eis ist getaut, zudem hat die Straßenmeisterei großzügig Granulat gestreut. Aber vielleicht liegt ein Fluch auf dem Berg. Im Bemühen, den Pass von anderthalb auf eineindrittel Fahrbahnbreiten zu erweitern, kommt der Schneeräumer diversen Teams im Kampf gegen Uhr und Schnitt entgegen. Immerhin: Denen, die ein Klärungsformular ausfüllen und pünktlich abgeben, wird Pardon gewährt.
Kein Pardon kennt das Wetter. Um vier am Nachmittag hat die Stille ein Ende, es prasselt wieder auf die Windschutzscheiben, und die Wischer quietschen erneut übers Fenster. Nur nicht beim Skoda 120S Rallye von Christian Rose und Michael Giesinger, hier streikt der Wischermotor beharrlich. Die Besatzung behilft sich mit Handbetrieb per Seilzug, doch dafür müssen die Fenster einen Spalt offen sein, kein einfaches Spiel bei dem Wetter. Daher entschieden sich die beiden, die letzten zwei Prüfungen auszulassen. Ganz abgesehen davon regnet es dort auch nicht, dafür schneit es jenseits der 1100 m-Grenze aus allen Rohren.

Ein spätes Opfer der längsten Etappe dieser AvD-Histo-Monte ist die Startnummer 1. Der Jaguar XK140 meldet sich am Abend ab, gerade als sich die Lage abermals verschärft. Am Col St. Barnabé wandelt sich pünktlich mit Einbruch der Dunkelheit der Regen in Schnee. Eine halbe Stunde später muss die letzte Tagesprüfung am Col de Valferrière abgebrochen werden. Zu viel Schnee für den Schnitt, zu viel Feierabendverkehr für kontrolliertes Fortkommen mit Stoppuhrbegleitung.

Es wäre zu einfach zu sagen: Heute war Quattro-Wetter. Sophia Faber und Jan Tewes gehörten auch an den Vortagen zum Spitzenfeld. Fakt aber ist: Sie haben sich im Audi Quattro A2 auf Rang zwei vorgeschoben, wenn auch mit 63 Strafpunkten mehr auf dem Kerbholz als die nach wie vor Führenden Jörg Pöhlemann und Marc Stoll im Porsche 924. Die müssten schon einen ordentlichen Bock schießen, um diese 25. AvD-Histo-Monte noch zu vergeigen.

Aber wer weiß, die Jubiläums-Ausgabe bleibt ein Abenteuer. Die nun spannende Frage lautet: Wieviel Schnee ist am Col de Turini gefallen, der auf der letzten, 310 Kilometer langen Schleife ebenso auf dem Programm steht, wie die schön schroffe Schlucht von Aiglun.
Ein Auto ist für morgen in der Starterliste hinzugekommen: Walter Röhrl steuert einen Lancia Rally 037 bei der letzten Schleife durch die französischen Seealpen. Von Cannes geht es zuerst nach Monte Carlo zur Durchfahrtskontrolle am Casino, erst dann erklimmen die Teams und auch Röhrl die Berge. Die erste Station findet auf dem Col de Turini statt, dort gibt es natürlich den legendären Blaubeerkuchen von Wirtin Laetitia. Und eine weitere bekannte Passage fehlt ebenfalls nicht: die Schlucht von Aiglun. Die Felsenpassage kurz vor der Mittagspause im winzigen Örtchen Le Mas ist das letzte Highlight auf der Strecke. Dann wartet das Meer und die Pokale und die Ruhe und vielleicht auch ein bisschen Sonne auf die Mannschaften im Hotel Pullman in Cannes Mandelieu.
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