Eine der häufigeren Erfahrungen im Rallyegeschäft ist der Umstand, dass pittoreske, liebliche Landschaften mit gurgelnden Bächlein am Wegesrand und flüssig dahinwedelnden Asphaltbändern plötzlich zu trickreichen Fallen und ausweglosen Labyrinthen werden, sobald es dunkel wird. Keine der 67 zum Prolog am Dienstagabend gestarteten Besatzungen hat je die Moselprüfungen der zur WM zählenden Deutschland-Rallye mit ihren zahllosen Abzweigen in Weinberg-Gewirren bestritten, und so waren die eigentlich so gemütlich aus dem Zeitplan lugenden 145 Kilometer weit mehr als nur ein Aufwärmprogramm. „Das war echt anspruchsvoll“, staunte auch Rallyechef Peter Göbel, in seiner aktiven Zeit selbst fünffacher Deutschland-Rallye-Starter.

Immerhin, der Rebenslalom lohnte sich. Bei der Kontrolle an der Weinparadiesscheune in Bullenheim gab es für alle eine kleine Kostprobe für zu Hause vom Weinbau Weidt aus Wiegenheim.

Ganz anders lief es wenige Kilometer später am Main. Vielleicht saßen die Herren aus den Amtstuben in Marktbreit ein bisschen zu früh beim Heurigen. Zwar hatten sie eine Genehmigung für eine DK am Alten Kranen unmittelbar am Mainufer erteilt und selbstredend die Gebühr kassiert, nur war nichts abgesperrt und vorbereitet, als der Rallyetross durch den Ort am Mainufer wollte. Die Teilnehmer mussten also etwas mehr am Lenkrad kurbeln und verließen den Parkplatz am eigentlich sehenswerten Ladekran mit einem Schmunzeln.

Histo-Monte-Erfinder und Streckensprecher Peer Günther war sich nicht sicher, ob er kurz darauf in Röttingen am rechten Ort war. Als er das Mikrofon einstöpselte, war die 1.700-Seelen-Gemeinde am südlichen Zipfel des Landreises Würzburg noch ein wenig ausgestorben. Doch kaum erhob Günther die Stimme, strömten dann doch für diese Jahreszeit jede Menge Leute zusammen. Am Ende lauschten um die 100 Menschen seinen profunden Ausführungen zu den klassischen Raritäten, und das bei fünf Grad bei fast finstrer Nacht.

Beim „Brückenbaron“ in Sonderhofen haben sie mit Rallyevolk schon Routine. Hier machte auch schon die Röhrl-Klassik vor drei Jahren Halt. Und erneut zeigte sich trotz der Abendkälte reichlich Fanvolk, um die Teams zu empfangen. Und noch etwas war erfreulich gnädig mit den Teilnehmern. Der eigentlich fest angesagte Regen schnürlte offensichtlich woanders runter. Vor allem der Start in Rothenburg ob der Tauber blieb trocken. Vielleicht lag es an den warmen Worten der Festredner. Oberbürgermeister Dr. Markus Naser empfing die Teilnehmer und Service-Mannschaften im Kaisersaal des Rathauses und bekräftigte die mittlerweile siebenjährige Partnerschaft mit der AvD-Histo-Monte: „Alte Autos passen zu einer alten Stadt, auch wenn da zeitlich 500 bis 800 Jahre dazwischenliegen.“

AvD-Präsident Lutz-Leif Linden, frisch von der vom Automobilclub von Monaco organisierten Rallye Monte Carlo Historique zurückgekehrt, streute ebenfalls Rosen: „Man muss lobend hervorheben, dass es einen Notarztwagen nur hier gibt. Und was die Vielfalt des Feldes angeht, muss sich die AvD-Histo-Monte auch nicht verstecken.“ Und da hatte Linden den AvD-Pannenservice als zusätzliches Goodie noch gar nicht erwähnt. Die roten Retter bekamen schon am ersten Abend zu tun. Die Fulvia von Ralf Wittenberg und Uschi Mühlenbrock streikte vermutlich wegen eines zugestopften Benzinfilters, konnte aber wieder flottgemacht werden.

Wie hoch das Niveau bei der AvD-Histo-Monte ist, lässt sich trotz des erhöhten Schwierigkeitsgrades daran ablesen, dass gleich zwei Teams auf der ersten von fünf Tagesprüfungen – und trotz acht geheimer Kontrollen – absolut strafpunktfrei aus der GLP rollten. Dass Erfahrung nicht immer alles ist, zeigen das Vater- und Sohn-Gespann Martin und Gregor Fischedick. Das Beifahrerhandwerk hat sich Junior Gregor aus Internet-Tutorials selbst beigebracht, das Resultat: der erste WP-Sieg auf der ersten Prüfung.
Immerhin, wer trotz des angeblich so einfachen Roadbooks die geheime Durchfahrtskontrolle vor Riedenheim verpasst hat, muss sich nicht grämen. Der Prolog zählt nicht zur Gesamtwertung, insofern geht es beim Kampf um den prestigeträchtigen 25-jährigen AvD-Histo-Monte-Sieg erst am Mittwochmorgen so richtig los, wenn der Tross gen Süden in Richtung Freiburg aufbricht. Beim psychologisch natürlich nicht zu unterschätzenden ersten Schlagabtausch hatte das ungarische Duo Zoltan Horvath und Beifahrer Lajos Boros mit ihrer Lancia Fulvia Monte Carlo die Nase vorn. Auf den Rängen zwei und drei der Prolog-Wertung folgen Jörg Pöhlemann und Co Marc Stoll im Porsche 924 vor Sophia Faber und Jan Tewes im Allrad Audi Quattro. Mit Platz drei machte sich die junge Pilotin zudem ein eigenes kleines Geschenk, passend zu ihrem heutigen Geburtstag.

Während sich Fahrtleiter Göbel am neuen, GPS-gestützten Zeitnahme- und Trackingsystem erfreute, wie es sonst in der Rallye-Weltmeisterschaft Standard ist, muss er aber gleichzeitig feststellen, dass der Fortschritt auch seine Schattenseiten hat. Einerseits flutscht jetzt die Auswertung blitzschnell und reibungslos, andererseits versetzt die neue Taktung auch den Chef in erhöhte Eile, um die Ergebnisse schnellstmöglich online zu stellen. „Schade“, sagt Göbel. „Ich hätte beim Brückenbaron auch noch gern den Kaiserschmarrn probiert.“

Wenn am morgigen Mittwoch um 07:30 Uhr bereits die ersten Teams beim Restart erwartet werden, verteilen sich die 45 Helfer der Orga auf insgesamt sechs Gleichmäßigkeits-Prüfungen zwischen Rothenburg, Ellwangen, Heidenheim an der Brenz, Reutlingen und Gutach im Schwarzwald. Inklusive Nachmittagsetappe und einer stets gut besuchten Durchfahrtskontrolle in Haslach im Kinzigtal (ab 15:00 Uhr) warten umgerechnet 444 Kilometer auf die Besatzungen. Gegen 18 Uhr werden dann die ersten Teams am Dorint Hotel in Freiburg und damit zum ersten Etappenziel auf dem Weg zum Mittelmeer erwartet.
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